Der Vogel Garuda

Vor langer Zeit gingen einmal einige Männer auf die Jagd. Sie verfolgten einen Hirsch und gingen ihm nach, bis sie an einen See kamen. Der Hirsch schwamm durch das Wasser, und die Männer wollten ihm hinterher, aber sie hatten kein Boot. Da nahmen sie einen Baumstamm, setzten sich darauf und folgten dem Hirsch über das Wasser. Aber der Hirsch war schneller und entkam ihnen, während die Männer immer weitertrieben.

Das Wasser wurde tiefer, und plötzlich zog sie ein Strudel in die Tiefe. Alle ertranken, bis auf einen, der sich mit letzter Kraft an einer Wurzel festhalten und auf einen Baum klettern konnte. Da hörte er plötzlich ein lautes Krächzen über sich und sah im Wipfel des Baumes einen riesigen Vogel sitzen. Dieser saß in einem Nest, streckte seinen großen Kopf zu ihm herab und fragte: „Woher kommst du?“ „Mir ist ein Unglück geschehen, und ich konnte mich mit letzter Kraft auf den Baum retten.“

„Hier kannst Du nicht bleiben“, krächzte der Riesenvogel. „Wenn mein Mann, der große Garuda, zurückkehrt, wird er Dich fressen.“ Der Mann sah sich um, unter ihm war nichts als Wasser. „Wo soll ich denn hin?“, fragte er, „kannst Du mich nicht verstecken?“ „Nun gut“, sagte die Vogelmutter, und sie versteckte den Mann unter ihren riesigen Flügeln. Obwohl die Vogelmutter beim Brüten ihre Flugfedern verloren hatte, waren die Flügel immer noch so groß, dass man nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr von dem Mann sehen konnte.

Nicht lange, da kam der Riesenvogel Garuda mit seinen Jungen geflogen. Sie brachten viel Fleisch mit, und der Mann sah, unter den Federn des Vogels verborgen, die vielen Knochen, die herumlagen.
„Ich rieche Menschenfleisch!“, rief Garuda.
Die Vogelmutter sagte: „Das kann nicht sein. Wie sollte ein Mensch hierherkommen, wo doch überall nur Wasser ist?“
Aber der große Garuda sagte wieder: Ich rieche ganz sicher Menschenfleisch!“
Da sah die Vogelmutter ein, dass sie den Mann nicht länger verstecken konnte und sagte: „Siehst Du den Menschen hier unter meinen Flügel? Ihm ist ein Unglück geschehe, und er hat bei mir Schutz gesucht. Du musst ihn verschonen.“
Der große Garuda hatte Mitleid mit dem Mann und sprach: „Gut, dann will ich ihn am Leben lassen. Doch wenn dir in sieben Tagen wieder Flugfedern gewachsen sind, so sollst du ihn nach Hause bringen.“

Nach sieben Tagen waren der Vogelmutter wieder Flugfedern gewachsen. Sie ließ den Mann auf ihren Rücken steigen und flog weit über das Land bis zu seinem Dorf, dann nahmen sie Abschied.

Aber wie sah es im Dorf aus! Keine Menschenseele war mehr zu sehen, der Vogel Garuda hatte sie alle geholt. Doch als der Mann in sein Haus trat, war es gefüllt mit Schätzen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Darunter war auch eine Trommel. Er nahm sie in die Hand und begann zu trommeln: tomtom, tatam, tomtom, tatam.

Da hörte er auf einmal eine feine Stimme, die rief: „Hör auf zu trommeln, sonst kommt der Vogel Garuda und holt uns.“
Der Mann schaute sich um, doch er sah niemanden. Da trommelte er weiter: tomtom, tatam, tomtom, tatam.
Wieder hörte er die Stimme, die rief: „ Sei still, sonst holt uns der Vogel Garuda!“
Da sah er, dass sich unter dem Dach seines Hauses eine junge Frau versteckt hatte.
„Hab keine Angst“, sagte er, „ich habe mit dem Vogel Garuda Freundschaft geschlossen, er wird uns nichts tun.“

So kam die junge Frau aus ihrem Versteck, und die beiden lebten von nun an gemeinsam im Haus mit den großen Schätzen.

Es heißt, dass der Mann ein Hühnerei bei sich trug und die Frau ebenfalls. Aus einem Ei schlüpfte ein Hühnchen, aus dem anderen ein Hähnchen. Die Küken wurden größer und bekamen schöne Federn. Wenn eine ausfiel, dann sammelten der Mann und die Frau sie in einer Kiste. Als der Hahn zum ersten Mal krähte, wuchsen viele Pflanzen auf dem Feld neben dem Haus, und als er zum zweiten Mal krähte, wurden aus den Federn Menschen.

Bald war das Dorf wieder voller Leben, und sie lebten noch lange und zufrieden.“

Märchen aus Malaysia

Vielleicht hält dieses Märchen, in der Zeit, die wir erleben, für uns besonders wichtige Botschaften bereit. Herzliche Einldaung dazu dieses Märchen zu entdecken und auf Dich wirken zu lassen!
Gerne auch im Rahmen einer Märchenzeit – im geschtützen Kreis lässt sich die Tiefe des Märchens am besten erspüren und erfahen, so dass wir reichlich beschenkt und inspiriert dem Alltag neu begegnen können.