Der Baum der Menschheit – oder: Der Baum der Menschlichkeit?

(Ich lasse diese Frage bewusst offen…)

Der Baum thronte seit ewigen Zeiten in der trockenen Ebene unweit des Dorfes. Die Großväter und die Großväter der Großväter hatten ihn schon immer gesehen. Man sagte, er sei so alt wie die Erde. Man wusste, dass er magisch sei. Betrogene Frauen kamen zu ihm und flehten ihn um Rache an, eifersüchtige Männer suchten heimlich bei ihm ein Heilmittel für ihr Übel. Doch niemand kostete je von seinen herrlichen Früchten. Warum? Weil die Hälfte von ihnen vergiftet war. Der massive Stamm teilte sich in zwei dicke Äste/Stämme, von denen einer das Leben und der andere den Tod in sich trug. Die Leute sahen ihn an, aber sie berührten ihn nicht.

In einem Jahr trocknete ein heißer Sommer die Erde aus, ein trockener Herbst ließ sie rissig werden und ein eisiger Winter ließ die bereits verkümmerten Samen gefrieren. Bald darauf brach eine Hungersnot aus.

Wie durch ein Wunder blieb der Baum unverwüstlich, obwohl er allein auf der Ebene stand. Keine seiner Früchte ging verloren. Die hungrigen Dorfbewohner sagten sich, dass sie zwischen dem Risiko, wie vom Blitz erschlagen umzufallen, wenn sie die goldenen Wunder probierten, und der Gewissheit, zu verhungern, wenn sie sie nicht probierten, wählen mussten. Ein Mann, dessen Sohn kaum noch lebte, wagte es plötzlich, nach vorne zu treten. Unter dem rechten Ast/Stamm machte er Halt, schnappte sich eine Frucht, schloss die Augen, biss hinein und … überlebte. Da taten es ihm alle Dorfbewohner nach und stürzten sich auf die gesunden Früchte vom rechten Ast/Stamm.

Gesättigt betrachteten sie den linken Ast. Zuerst mit Ekel, dann mit Hass. Sie bereuten, dass sie so viel Angst gehabt hatten, und beschlossen, sich zu rächen, indem sie den Ast direkt am Stamm absägten.

Innerhalb von zwei Tagen wurde der um seine vergiftete Hälfte amputierte Baum schwarz, schrumpfte und starb auf der Stelle, ebenso wie seine Früchte.

Malagassisches Märchen (aus dem Französischem übersetzt)

Was hat uns dieses prägnante Märchen in der heutigen Zeit zu sagen?