Wie das Licht wieder zu den Menschen kam…
In einer Hütte am Waldrand lebte ein armes Mädchen. Es hatte Lumpen an und die Haare waren unter einem Tuch zusammengebunden. So fiel nicht auf, dass sie nicht gewaschen werden konnten. Sie trug Holzschuhe. Die Hütte war spärlich eingerichtet, mit einer Feuerstelle, einem Tisch und einem Bett aus Stroh auf dem Boden.
Ihre Eltern waren verschwunden, niemand wusste von ihnen. Da sie eine andere Sprache sprach als die Menschen im Dorf, lebte sie für sich allein. Im Dorf gab es schon einige Seelen, die dieses Mädchen gerne aufgenommen hätten, doch sie verstanden sie ja nicht.
Das Mädchen lebte von den Früchten im Wald, von dem Wasser des Baches; im Winter ernährte sie sich von Kastanienbrei. Mehr hatte sie nicht.
Eines Tages, während sie am Tisch saß und von ihrem Brei aß, klopfte es an der Tür. Sie stand auf, öffnete die Tür und erschrak.
Vor der Tür stand ein Wesen ganz im Grau gekleidet; eine ebenso graue Kapuze bedeckte den Kopf, so dass sie das Gesicht kaum erkennen konnte. Dieses Wesen kam vom Dorf und begann zu erzählen. Eine düstere Zeit sei über das Dorf gekommen. Viele Menschen seien krank oder würden mit gebückten Köpfen herumlaufen. Auch würden viele frieren, obwohl sie warme Kleidung anhätten. Manche wilden Tiere würden jetzt im Dorf herumschweifen. Angst herrschte im Dorf.
Obwohl das Mädchen nicht verstand, was dieses Wesen sagte, verstand sie es dennoch. Sie nahm die Verzweiflung und die vielen Fragen wahr.
Sie zog ihren durchlöcherten Mantel an und führte dieses Wesen in den Wald hinter ihrer Hütte. Obwohl das Wesen nicht einordnen konnte, was geschah, und voller Furcht war, folgte es ihr. Bald kamen sie an eine Lichtung. In der Mitte stand ein prächtiger Baum. Er hatte einen dicken Stamm, der sich in Zwei teilte. Auch hatte er ziemlich große Wurzeln, die an der Erdoberfläche verschlungen waren. Das Mädchen setzte sich auf eine der Wurzel und lud das Wesen dazu ein, sich danebenzusetzen.
Lange saßen sie in der Stille da. Mit der Zeit begann das Wesen, sich zu entspannen und bequemer einzurichten. Plötzlich spürte es den Baum wirklich, auf dessen Wurzel es saß und an den es sich angelehnt hatte. Es nahm die Kraft von diesem Baum wahr, die aus den Wurzeln heraus, von der Erde durch den Stamm zum Himmel emporstieg. Sein Atem begann tiefer zu werden, als ob es plötzlich im Einklang mit dem Baum atmete.
Das Mädchen saß neben ihm und lächelte ganz friedlich. Aus dem Wald kam ein Fuchs vorbei. Das Wesen zuckte zusammen und verkroch sich an den Baum. Doch das Mädchen schaute den Fuchs freundlich an. Der Fuchs sprach zu dem Wesen: „Komme sieben Tage lang zu diesem Platz. Am siebten Tag werde ich noch einmal erscheinen und Dir eine Frage stellen.“ Sogleich verschwand der Fuchs wieder.
Das Mädchen begleitete das Wesen bis zum Waldrand und ließ es dann allein zum Dorf weitergehen. Als sie sich umdrehte, merkte sie plötzlich, dass sie mit einem sauberen, weißen Kleid gekleidet war, das durch ihren gelöcherten Mantel leuchtete.
Das Wesen kam von jetzt an jeden Morgen. Es hielt vor der Hütte inne; das Mädchen spürte es sofort, kam heraus und begleitete es bis zur Lichtung. Am Anfang saß das Wesen einfach da. Nach und nach entspannte es sich immer mehr, begann seinen eigenen Körper wahrzunehmen und schließlich auch die Umgebung: die Vögel in den Bäumen, die vielen Insekten im Gras, die Tautropfen am Morgen, die Regenbogenfarben in diesen Tropfen, wenn das Licht der Sonne auf sie schien… Auf dem Hin- und Rückweg wurde das Wesen von Tag zu Tag immer fröhlicher; sein Gang änderte sich, es hüpfte fast vor Freude und am sechsten Tag sang es sogar fröhlich vor sich hin.
Am siebten Tag verweilte es wieder am Baum als der Fuchs kam und fragte: „Was hast du entdeckt?“ Und das Wesen antwortete: „Jetzt weiß ich, wer ich bin!“. Dabei schob es seine Kapuze zurück. Das friedliche Gesicht eines Mannes erschien.
Der Fuchs lächelte und sagte: „Geh zu Deinem Dorf zurück. Auf dem Weg gibt es drei Hindernisse. Vergiss nicht, was Du in diesen sieben Tagen erkannt hast. Hier sind ein Zauberschwert und eine Laterne für Deinen Weg. Benutze dieses Schwert weise dann wird es Dich zu Deinem Glück führen.“
Der Mann nahm die Laterne und das Schwert dankend an. Das Mädchen begleitete ihn bis zur Hütte.
Dort angekommen, konnte er den Weg zum Dorf sehen. Er machte sich auf. Der Weg führte zuerst durch ein dichtes Gebüsch. Da war jedoch mitten auf dem Weg ein Brunnen, ein ganz tiefer Brunnen. Er musste über diesen Brunnen, um weiterkommen zu können; also legte er das Schwert quer darüber und oh Wunder, es passt genau von der Länge her. Er balancierte über das Schwert und war plötzlich auf der anderen Seite.
Nach einer Weile kam er an ein Labyrinth und er wusste nicht, wie er hindurchkommen sollte. Da kam ein Vogel geflogen, den er vom Baum her kannte. Dieser nahm die Laterne in den Schnabel und führte so den Mann durch das Labyrinth, so dass er den Ausgang finden konnte.
Nach dem Labyrinth stand er aber auf einmal vor einem großen Bären, der ihm den Weg versperrte und sagte: „Bevor Du zum Dorf gehst, sollst du mich im Kampf besiegen, doch überlege gut, was Sieg bedeutet.“ Der Mann sah diesen Bären, der den Weg versperrte; er dachte an sein Schwert. Er sah dem Bären in die Augen, hob das Schwert in die Luft… und ließ es dann plötzlich schwungvoll und bestimmt in Richtung Erde sinken und sagte dabei mit klarer Stimme: „Sitz!“. Der Bär setzte sich. Und wie er saß, ging der Mann zu ihm und streichelte ihn. Während er ihn sanft und liebevoll streichelte, verwandelte sich der Bär in eine wunderschöne Prinzessin. Da erkannte er das Mädchen aus der Hütte. Sie hatte wunderschöne Haare und strahlte in ihrer Einfachheit, Schönheit und Klarheit. Sie freuten sich miteinander und blickten Richtung Dorf. Laterne und Schwert waren verschwunden, doch im Herzen waren sie irgendwie bei Ihnen. So betraten sie endlich das Dorf.
Auf dem Marktplatz, in der Mitte des Dorfes, machten der Mann und die Prinzessin ein großes, leuch-tendes und wärmendes Feuer. Nach und nach kamen alle Bewohner und zündeten Hölzer oder Kerzen an. Allmählich begannen alle Häuser wieder zu leuchten und an dem Abend strahlten die Sterne und das Dorf um die Wette. Licht und Freude erfüllten das Dorf, die wilden Tiere verschwanden. Am nächsten Morgen folgten die Menschen dem Paar zur Lichtung. Am prächtigen Baum feierten sie ein Fest mit dem Fuchs und vielen Tieren. Ein Fest der Freude, der Gemeinschaft, der Liebe und vor allem ein Fest für die Erde und mit der Erde. Nach geraumer Zeit heiratete der Mann die Prinzessin und sie lebten glücklich und zufrieden, denn das Licht war wieder gekommen und eine neue Zeit hatte begonnen.
Christelle Oediger, Herbst 2024
Living Earth Botschafterin – https://livingearth.one/startseite