Steinreich – eine Weisheitsgeschichte

Es war einmal eine Frau, die lebte ganz für sich allein, abseits vom Dorf. Sie nannte ein kleines, hübsches Häuschen ihr Eigen und viele neideten sie für diesen Besitz.

„Steinreich ist sie“ wurde in ihrem Rücken getuschelt.

Sie wussten nicht, wie recht sie hatten, obgleich nicht in der Weise, wie sie es dachten.

An einem späten Nachmittag kam ein Wanderer in das Dorf. Er suchte ein Lager für die Nacht. Vergebens hatte er an alle Türen geklopft. Alle hatten ihn abgewiesen.

Wie er nun ganz am Ende des Dorfes angekommen war, da sah er in einiger Entfernung das kleine Häuschen. Er ging hin. Und er klopfte an. Die Frau öffnete die Tür und bat ihn ohne viele Worte herein.

Das Haus war auf das liebevollste mit Blumen geschmückt. Die Sonnenstrahlen fielen durch die Fensterscheiben und tauchten alles in ein warmes Licht.

Während die Frau in der Küche das Abendessen richtete, blickte Gast sich genau um und erstaunte sich. Im ganzen Haus standen überall große Gläser und kleine Gläser gefüllt mit großen Steinen und kleinen Steinen. Es sah wundersam aus, doch er konnte sich nicht erklären, wofür diese Gefäße von Nutzen wären, und so fragte er die Frau: „Was stehen alle diese Gläser gefüllt mit Steinen in deinem Hause?“

Da schwieg sie einen Augenblick, lächelte versonnen und begann zu erklären: „Wisse, in meinem Leben war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Es gab graue Tage und schlimme Stunden und es kam der Tag, an dem ich nicht mehr ein noch aus wusste. Ich saß mit meinem Kummer auf der Bank vor dem Hause. Da kam eine alte Frau des Weges und fragte, ob sie sich zu mir hinsetzen dürfe. Dann blickte sie mich an und all meine Not und meinen Kummer brachen aus mir heraus und ich erzählte ihr (alles)… und sie, sie hörte zu. Wie ich mein ganzes Herz ausgeschüttet hatte, sagte sie mir: „Ja, es gibt im Leben solche Zeiten. Und wenn dir gar nichts hilft, so möchte ich dir sagen, nimm wann immer du etwas beobachtest, was Dich doch lächeln lässt, wann immer dir ein Mensch begegnet, der dein Herz berührt, dann nimm einen Stein und lege ihn in einem Glas. Wenn es eine kleine Begegnung ist, leg einen kleinen Stein. Wenn die aber etwas widerfährt, was dein Herz vor Freude hüpfen lässt, dann leg einen großen Stein…“

„An jenen Tag begann ich damit, Steine zu sammeln. Am Anfang waren es nur wenige kleine Steine, doch bald schon war das erste Glas gefüllt und ich stellte ein größeres auf. Nun sind schon viele Jahre ins Land gegangen und immer, wenn ich meine Steine betrachte, habe ich deutlich vor Augen, wie erfüllt und glücklich mein Leben ist.“

Nach diesen Worten stand sie auf und richtete das Nachtlager für ihren Gast. In dieser Nacht schlief er tief und fest.

Wie er am anderen Tag das Haus verließ, beugte er sich und nahm einen Stein. Er steckte ihn in seiner Hosentasche. Seit diesem Tag erzählt er den Menschen davon, dass er einmal in seinem Leben einer „steinreichen“ Frau begegnet ist.

Eigene Version, 2023